500. Jahrestag der Reformation

EKD-Botschafterin Käßmann: „Diplomat war Luther sicher nicht“

epd-Gespräch: Corinna Buschow und Thomas Schiller

Berlin (epd).  Die 500-Jahr-Feier der Reformation ist nach Auffassung der früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, eine ökumenische Angelegenheit. Die evangelische Kirche blicke ebenso wie die katholische auf eine zwei Jahrtausende währende Tradition zurück. „Es geht um eine Kirche, die sich im 16. Jahrhundert auf zwei verschiedene Wege begeben hat“, sagte Käßmann im epd-Interview. Mit der künftigen Luther-Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sprachen in Berlin Corinna Buschow und Thomas Schiller.

epd: Sie werden am 27. April von der Evangelischen Kirche in Deutschland in das Amt einer Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 eingeführt. Das ist ein Titel, der in der Kirche ungewöhnlich ist. Mit welchem Selbstverständnis soll dieses Amt ausgeführt werden?

Käßmann: Das hat sich die EKD sehr gut überlegt, indem sie gesagt hat: Der Rat der EKD steht für die Botschaft und ich bin dafür da, diese zu transportieren. Das finde ich auch eine ganz angenehme Rolle. Botschafter haben ein festes Standbein, weil sie wissen, wofür sie stehen und was sie zu vertreten haben, und andererseits haben sie als Spielbein die Freiheit, das im Konkreten selbst zu gestalten.

epd: Diplomatisch und Luther – passt das zusammen?

Käßmann: Naja, Diplomat war Luther sicher nicht. Sein Wettern gegen die „Papisten“ und gegen den „Antichristen“ in Rom war manchmal schon stürmisch. Andererseits ist er für seine Botschaft eingestanden. Die war für ihn zuallererst biblisch verankert.

epd: Welcher Aspekt der Reformation ist für die Gesellschaft bis heute von Bedeutung?

Käßmann: Für mich ist die Freiheit des Einzelgewissens von ganz großer Bedeutung. Luther hat gesagt, der einzelne Christ soll selbst Bibel lesen, sich bilden in einer Art und Weise, dass er am Ende sagen kann: Hier stehe ich und kann nicht anders mit meiner christlichen Überzeugung. Es ist ein reformatorisches Erbe, sich eine eigene Meinung bilden und dazu stehen zu können. Wir sollen selbst mitdenken, selbst nachdenken und nicht nachkauen, was irgendein Dogmatiker, eine politische Partei oder andere vorgeben.

epd: Sie waren als Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende immer jemand, der klare politische Botschaften geäußert hat. Können wir das wieder erwarten?

Käßmann: Ich fand es immer merkwürdig, wenn Menschen erklärt haben, Kirche kann nicht politisch sein. Sie können nicht zu einem Text wie „Der Fremdling, der unter euch wohnt, den sollt ihr schützen“ predigen und sagen, das hat mit der Asylsituation in Deutschland nichts zu tun. Ich denke, dass das Evangelium selbst politisch ist. Und wenn sie Luther lesen, finden sie vieles, was politisch relevant ist. Schauen Sie nur mal in seine Schriften wider den Wucher. Interessant, das heute mit Finanz- und Bankenkrisen zu verbinden!

epd: Womit kann man Menschen für das Jubiläum begeistern?

Käßmann: Für mich ist erst einmal wichtig, dass Menschen klar wird, was da in diesem kleinen Ort Wittenberg passiert ist. Das hatte weltweite Folgen! Es ist einerseits eine Glaubensfrage, aber andererseits auch eine kulturelle Frage. Es geht um Bibelübersetzung, mündigen Glauben, Volksschule, Bildung für alle – auch ein ganz aktuelles Thema. Und dann ist es natürlich auch ein politisches Thema: Dass Menschen selbst nachdenken dürfen, selbst fragen dürfen. Das war der Schritt, den die Reformatoren gegangen sind – vom Mittelalter in die Neuzeit.

epd: Was werden 2017 die Höhepunkte werden?

Käßmann: Einer wird sicher das Großereignis, das der Kirchentag jetzt in Koordination mit der EKD plant. Aber ich hoffe, dass es nicht nur Großereignisse geben wird, sondern dass das Jubiläum viele Menschen wahrnehmen als einen Impuls, der aus Deutschland herausgegangen ist und nicht unterschätzt werden darf.

epd: Die EKD hat die Jahre bis 2017 unter Themen gestellt. Für 2012 ist „Reformation und Musik“ ein Selbstläufer. Nächstes Jahr steht „Reformation und Toleranz“ an. Das ist schon schwerer zu vermitteln. Wie wollen Sie das tun?

Käßmann: „Reformation und Toleranz“ finde ich interessant, weil es eine Herausforderung ist. Die Reformation war erst einmal nicht tolerant, weil sie sich ganz scharf abgegrenzt hat vom römischen Katholizismus. Auch Luthers Haltung gegenüber den Juden ist ein belastendes Erbe, das wir aufgreifen müssen. Was bedeuten Ökumene und jüdisch-christlicher Dialog 500 Jahre später? Wir können auch sagen, dass er kein wirklich großes Beispiel ist für Toleranz etwa gegenüber dem Islam, auch wenn er sich weniger mit dem Islam als mit den Türken als expansiver politischer Großmacht im 16. Jahrhundert auseinandergesetzt hat. Gerade das können wir zum Anlass nehmen, über Toleranz zu diskutieren. Ich sehe es als eine besondere Herausforderung an, die Frage des Zusammenlebens der Konfessionen, der Religionen, der Völker, der Ethnien, der Kulturen auf der Grundlage des reformatorischen Erbes heute zu diskutieren. Dabei werden wir das Erbe auch sehr kritisch anfragen müssen.

epd: Passt es überhaupt zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags Luthers, dem Jubiläum eine ökumenische oder gar interreligiöse Dimension zu geben?

Käßmann: Luther konnte sich eine Situation wie heute damals nicht vorstellen. Natürlich brauchen wir in unserer Zeit eine ganze andere Form, mit Menschen anderen Glaubens umzugehen. In einem säkularen Zeitalter nach der Aufklärung und angesichts der Notwendigkeit des friedlichen Zusammenlebens mit anderen Konfessionen und Religionen ist es offensichtlich, dass uns in der Ökumene mehr verbindet als trennt. Auch die römisch-katholische Kirche hat sich ja seit dem 16. Jahrhundert verändert. Das zweite Vatikanum hat gesagt: Die Messe in der Sprache des Volkes! Das ist auch ein Erbe der Reformation. Und wir sind als reformatorische Kirche keine neue Kirche. Es geht um eine Kirche, die sich im 16. Jahrhundert auf zwei verschiedene Wege begeben hat. Und es ist die Frage, ob wir feiern können, dass aus der tiefen Spaltung auch wieder eine Annäherung geworden ist.

epd: Wie stellen Sie sich das vor?

Käßmann: Der größte Wunsch ist natürlich, dass wir gemeinsam Abendmahl feiern können, was die gegenseitige Anerkennung als Kirchen und auch der Ämter voraussetzt.

epd: Ist das realistisch bis 2017?

Käßmann: Nein, ist es nicht. Aber ich bin ja eine hoffnungsvolle Frau. Ich sehe doch, wie sehr ökumenisch gesinnte Katholiken und Protestanten sich das wünschen, weil es das zentrale Zeichen der Gemeinschaft ist, zu dem Jesus selbst einlädt.

epd: Angesichts der Vielzahl von Krisen in Europa und der Welt kann bis 2017 noch viel passieren. Wie stark lassen sich die Themen für das Jubiläum schon jetzt konkretisieren?

Käßmann: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir im Jahr 2012 sagen können, wie das Jubiläum stattfinden wird und mit welchem genauen Akzent. Das wäre merkwürdig. Luther selbst hat manchmal innerhalb von einem Jahr seine Positionen geändert. Insofern wäre es vermessen, heute festzulegen, was im Jahr 2017 die aktuelle Botschaft ist. Aber dass Christen angesichts von Lebenskrisen und Angst Gottvertrauen an den Tag legen können, das ist sicher Luthers zeitlose Botschaft. Sie wird ihm zugeschrieben mit der Haltung: Ganz gleich, was passiert, ich würde heute ein Apfelbäumchen pflanzen, auch wenn morgen die Welt untergeht.

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