Alt-Bischof Axel Noack aus Magdeburg auf dem Einbecker Osterempfang

„Die Halbfrommen fehlen uns“

Einbeck. Die Kirchengemeinden der Stadt Einbeck und auch der Kirchenkreis Leine-Solling im Ganzen hatten zum diesjährigen Osterempfang  in die Krypta der Alexandri-Kirche eingeladen. Viele der Geladenen waren gekommen, Vertreter der Stadt und der Wirtschaft, Repräsentanten der Parteien und der Kirche, aber auch aus Kultur und Vereinen. Martin Giering, Pastor an der Jacobi-Kirche in Einbeck, hieß sie mit den Worten willkommen, sie seien ja „diejenigen, die sich um das Wohl der Stadt kümmerten.“

Superintendent Heinz Behrends aus Northeim, in seiner Rolle als Laudator, kündigte dann den Ehrengast des Nachmittags an, Alt-Bischof Axel Noack aus Magdeburg. „Er hat sein Amt abgeschafft, um eine Kirchenfusion (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland) zu ermöglichen. Dabei hätte er auch das Zeug zum Bundespräsidenten gehabt. Und: Er ist bekannt für lebendige Sprache und plausible Bilder.“

Alt-Bischof und Honorarprofessor an der Universität Halle Axel Noack

Und davon konnten sich die Zuhörer dann überzeugen, denn der Vortrag trug den Neugier weckenden Titel „Was hat die Gesellschaft davon, dass es Kirche gibt?“. Christen, so Noack, müssten aufmerksam machen, was es in der Gesellschaft zu tun gäbe. Ein alarmierendes Zeichen sei, dass die bürgerliche Mitte in den letzten 20 Jahren ausdünne. Ablesbar sei dies am Blühen der Fastfood-Ketten einerseits und der Gourmettempel andererseits. Statt einer Bestattung auf dem Friedhof könne eine Witwe die Asche ihres Mannes als Schmuck um den Hals tragen. Verrückt: es gebe sogar Blutdruckmessinstrumente für Hunde. Dies alles aber zeige, „dass sich was verändert in der Gesellschaft“.

Auch die religiösen Kompetenzen der Menschen seien ins Rutschen gekommen. Man habe entweder mit total Säkularen zu tun oder aber mit religiös Verfestigten. „Die mittleren Halbfrommen – die fehlen uns“ so der Honorarprofessor für Kirchengeschichte in Halle.

Bedenkenswert sei, dass der Staat oftmals auf Veränderungsprozesse in der Gesellschaft mit vermehrter Kontrolle und Warnappellen reagiere. Da müsse eben das kirchliche bzw. theologische Denken einsetzen, ob das gut sei. Immerhin aber habe sich Martin Luther in der Gründungsphase der evangelischen Kirchen gegen all die gestellt, die meinten, man brauche keinen Staat. Dem Wittenberger Reformator sei ein eher nüchternes Menschenbild zu Eigen gewesen. „Für ihn galt: Es braucht Recht, Gesetz und Obrigkeit. Und neben der vernünftigen Rechtsordnung braucht es Menschen, die aus Überzeugung und aus geistlicher Freiheit die Gesetze einhalten.“ In der Kirche selbst gebe es bis heute bevorzugt Theologen und Juristen für die Aufrechterhaltung der Ordnung. „Wo es an beiden im Staate fehlt, da merkt es der Kaufmann im Geldbeutel“, so die launige Erklärung Noacks.

Schwer zu machen -so Noacks Einschränkung – das moderne Staatswesen könne ja nicht einfach eine Weltanschauung vorgeben. Andererseits „bedeutet die weltanschauliche Neutralität nicht, dass der Staat passiv bleibt.“ Seine Aufgabe sei es, „Räume zu schaffen, in denen sich geistige und geistliche Überzeugungen bilden können“. Der Staat könne die Inhalte des gesellschaftlichen Diskurses nicht vorgeben, und genau da komme die Kirche ins Spiel. Sie habe die Aufgabe, sich für die Bildung einzusetzen. Denn „Christen können sich dem nicht entziehen, was in der Gesellschaft geschieht – und sie wollen es auch nicht.“

In beredten Bildern beschrieb Alt-Bischof Axel Noack dann, wie das gesellschaftliche Engagement der Kirche aussehen könne. Die Überzeugungsbildung gelinge beispielsweise in der Lebenspraxis des Jahresfestkreises. Die Rhythmisierung der Zeit und die Gestaltung des Glaubens in den Gebräuchen gebe Halt und seelische Stabilität. In Kirche aber auch Familie sei eine Geschmacksbildung vonnöten, die nicht über die Vernunft geregelt werde, sondern durch Einübung. Die Aufgabe der Kirche an dieser Stelle sei es „die Menschen zu stabilisieren, damit sie gerade stehen können, ein menschliches Maß leben und im Gottvertrauen auch Risiken eingehen“.

Anschließend sprach Noack ein anderes wichtiges Stichwort an – das Vertrauen. Das Vertrauen sei eine eminent wichtige Tugend, die im Augenblick wegrutsche. Vertrauen einzuüben helfe der Gesellschaft. Aber an dieser Stelle seien die Christen ein wenig „zu schüchtern“. Sie müssten auch einmal selbst das Vertrauen in sich haben, Vorbild zu sein. Es komme auch auf den Mut an, einmal klare Ansagen zu machen. Dabei gelte aber der Grundsatz, dass die Kirche nicht aus dem Fenster predigen dürfe, sondern eben auch zu sich selbst. Was geschehe in der Gesellschaft, wenn man (kinderlose/partnerlose) Menschen mit sich allein lasse? Noack legte hierbei die Finger in die Wunden, und im Auditorium war es ganz still: „Wenn man keine Kinder mehr hat, dann entfällt auch das Motiv für nachhaltiges, gesellschaftliches Engagement“.

Mutig gestaltete sich auch Noacks Appell an die Wohlhabenden: man müsse die Reichen in die Pflicht nehmen. Das habe im Mittelalter schon gegolten. Denn Reichtum ohne Arbeit galt damals als Sünde. Aus den Sprüchen Salomos zitierte der Hallenser Professor das Gebet eines unbekannten Frommen, der Gott um ein normales materielles Auskommen bäte. „Vor Armut als auch Reichtum möge er verschont bleiben, denn der Reichtum führe in die Gottvergessenheit, die Armut wiederum verführe zum Diebstahl“ , so Noack in der biblischen Begründung.

Nach der eindringlichen Rede brandete langanhaltender Beifall auf, ein Zeichen, dass Alt-Bischof Noack den Nerv der Zeit, aber auch den Nerv der gesellschaftlichen Relevanz der Kirche getroffen hatte. Demgemäß fielen auch die Dankesworte von Superintendent Behrends aus:“Sie haben uns mit ihren einfachen und dennoch tiefgreifenden Gedanken ermutigt, so der Northeimer Oberhirte. Als Dank überreichte er Axel Noack das „übliche Einbecker Gebinde“ als Präsent.

Text und Bilder: Karl-Otto Scholz

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