10 Jahre Anschlag auf Gymnasium in Erfurt

Stille Momente des Gedenkens

Zehn Jahre nach dem Schulmassaker von Erfurt haben die Stadt und das Gutenberg-Gymnasium eigene Rituale gefunden

Von Thomas Bickelhaupt (epd)

Erfurt (epd). Manche Fragen mag Schulleiterin Christiane Alt nicht mehr hören. Etwa die nach dem 19-jährigen Ex-Gymnasiasten, der am 26. April 2002 an seiner früheren Schule in Erfurt zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und einen Polizisten erschoss und anschließend sich selbst tötete. Sie befürchtet, dass am Ende sein Name in Erinnerung bleibt, während die Opfer nach und nach vergessen werden. Zudem könnte eine Fokussierung auf den Täter mögliche Nachahmer motivieren, sagt sie.

Zum Gedenken an die Opfer des ersten Schulmassakers in Deutschland haben die Stadt und die Schule ihre eigenen Rituale gefunden. Große Reden mit dem Versprechen von Veränderungen an den Schulen und in der Gesellschaft will zu diesem Anlass niemand hören. Öffentliche Veranstaltungen in Erfurt müssen den besonderen Charakter des Tages berücksichtigen. Schüler, Lehrer und Ehemalige reffen sich an der Gedenktafel, und dort dominieren eher die stillen Momente. Dieses Jahr werden sie begleitet vom Glockengeläut der Erfurter Innenstadtkirchen.

Am Abend ist zu einer ökumenischen Andacht in die Andreaskirche eingeladen. Dort hatte die evangelische Pastorin Ruth-Elisabeth Schlemmer im April 2002 den verstörten Zeugen der Bluttat unweit des Tatorts spontan einen Ort für ihre Bestürzung und Trauer geboten. Obwohl die wenigsten Gymnasiasten einer Kirche angehörten, war der Kirchenraum bald hoffnungslos überfüllt. Seit jenen Stunden erinnern in der Kirche brennende Kerzen an das Attentat.

Um das 17. Licht im Altarraum gab und gibt es immer wieder Diskussionen. Doch Pastorin Schlemmer steht zu ihrer Entscheidung: Was immer der Täter angerichtet habe – er sei ein Mensch gewesen, sagt sie. Für die weitgehend religionslose Öffentlichkeit in der Stadt indes ist die christlich-theologische Sicht auf den zum Mörder gewordenen Gymnasiasten nur schwer zu ertragen.

Die letzten Schülerinnen und Schüler, die 2002 das Massaker miterlebten, haben das Gymnasium nach dem Abitur vor zwei Jahren verlassen. Die gegenwärtig rund 540 Kinder und Jugendlichen werden von 56 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. Zu ihnen gehören 15 Pädagogen von damals, darunter auch die Schulleiterin. Indem sie das Geschehen immer wieder durchlebte, hat sie gelernt, mit den schrecklichen Bildern umzugehen.

Nein, im Schulalltag spielten sie keine Rolle, sagt Christiane Alt. Doch ihr Gedächtnis hat sie auf Dauer und unauslöschbar gespeichert. Im Umgang damit wirkt die gestandene Pädagogin souverän und gefasst. Dabei vermittelt sie den Eindruck, die kontrollierte Erinnerung habe ihr den Blick geschärft für Probleme des Einzelnen im Schulalltag und deren mögliche Konsequenzen.

Ein vorrangiges Anliegen ist ihr die Forderung nach weniger Leistungsstress und mehr individueller Förderung an und in den Schulen: „Die psychologische Betreu- ung bedarf der Menschen vor Ort.“ Zwar wurde die Zahl der Schulpsychologen im Freistaat erst im Vorjahr von 17 auf 32 erhöht. Aber der geplante Ausbau der Schulsozialarbeit droht in den aktuellen Haushaltsdebatten des Landes unterzugehen.

Neben bleibenden Herausforderungen an den Schulen werden vor dem Jahrestag immer häufiger auch gesellschaftliche Defizite benannt, allen voran zum Waf- fenrecht. Zehn Jahre „nach Gutenberg“ und vier Jahre nach dem Blutbad von Winnenden ist es weithin unverständlich, dass tödliche Sportwaffen noch immer in Wohnungen aufbewahrt werden dürfen. „Im Waffenrecht hätte noch mehr geschehen müssen“, bringt es der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) auf den Punkt.

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