Neue Ideen für die Zukunft der Kirche

„Reiches Geschenk“: Landesbischof Ralf Meister besucht den Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt

Ralf Meister hielt die Predigt beim Flamenco-Gottesdienst in der Hildesheimer St.-Andreas-Kirche.

Hildesheim. Ein Applaus für das Vaterunser – wann hat es das schon einmal gegeben? Gestern in der Hildesheimer St.-Andreas-Kirche war es so weit. Jubilate heißt der dritte Sonntag nach Ostern, und tatsächlich gab es im Gottesdienst reichlich Grund zur Freude. Zunächst, weil der evangelische Landesbischof Ralf Meister dem Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt seinen ersten offiziellen Besuch abstattete und die Predigt übernahm. Und dann, als ein Flamenco-Ensemble mit Tanz und Musik eine völlig neue Note in die Liturgie brachte.

Leidenschaftlicher Gesang, Flamenco-Gitarre, Trommel und vor allem der expressive, zum Teil gewitterartige Tanz Ana Sojors kleideten neben dem Vaterunser auch ein Kyrie und Sanctus in prächtige, faszinierende Gewänder. Der Landesbischof ließ sich in seiner Predigt davon anstecken und zog ungeahnte Verbindungslinien zwischen Augustinus, Paulus, dem Tanz und dem menschlichen Körper. „Der Tanz beschreibt eine Geste der Freiheit, die der Kirche immer verdächtig war“, sagte Ralf Meister. Dabei sei der Tanz doch nicht weniger als eine Verwandlung des Raums, der Zeit und des Menschen, ein Verweis auf das Unsichtbare, Ewige – „eine Bewegung gegen den Zerfall“, so der Bischof.

Leidenschaftliche Impulse für die Liturgie: Ana Sojor und ihre Musiker inspirierten fast 400 Menschen in der St.-Andreas-Kirche.

Ähnlich beeindruckt zeigte sich Ralf Meister am Abend zuvor, den Studierende des Studiengangs Kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim mit einer Lesung gestalteten. „Solche Geschenke bekommt man selten“, bekannte er und entdeckte in der Jakobikirche eine enge Verwandtschaft zwischen literarischen Autoren und Pastoren. „Sie erzählen so, dass die Welt eine gute Zukunft hat“, sagte er zu den Studierenden, „und das tun wir Pastoren auch manchmal.“

Überhaupt sei der zweitätige Besuch im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt ein reiches Geschenk, erklärte der Bischof. Schon der Auftakt in Algermissen sei inspirierend gewesen. Die einvernehmliche Art, wie in der Region Sarstedt-Land evangelische Christen aus 13 Orten sich zu einer einzigen, großen Gemeinde zusammengeschlossen haben, könne zum Vorbild für andere Fusionen in der Landeskirche werden. Denn andernorts, so Ralf Meister, „macht das zum Teil riesige Schwierigkeiten“.

Ein mögliches Modell für ländliche Gemeinden: Der Landesbischof (3.v.l.) im „Kleinen Paul“, dem Krämerladen der Paul-Gerhardt-Gemeinde.

Das nächste nachahmenswerte Projekt fand er in der Hildesheimer Paul-Gerhardt-Gemeinde. Hier betreiben Ehrenamtliche mit dem „Kleinen Paul“ den vermutlich bundesweit einzigen kirchlichen Krämerladen. Besonders in ländlichen Orten, die oft kein einziges Geschäft haben, könne dies eine interessante Lösung sein, fand Ralf Meister.

Anschließend traf er Vertreterinnen und Vertreter von Hildesheimer Bildungseinrichtungen. Sie diskutierten die Zukunft evangelischer Kindertagesstätten und Schulen, die im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt im Vergleich zu anderen Regionen der Landeskirche sehr stark vertreten sind. Mit besonderem Interesse reagierte der Bischof auf die Idee des Kirchenkreises, in einem Forschungsprojekt die Kernelemente evangelischer Bildungsarbeit herauszukristallisieren und neue, vernetzende Impulse für die Bildungslandschaft zu erarbeiten.

Als wegweisenden Impuls im sozialen Bereich erlebte das Kirchenoberhaupt das Projekt „Familien in Not“, das vom Diakonischen Werk Hildesheim gemeinsam mit der Firma KSM Castings ins Leben gerufen worden ist und an dem sich mittlerweile auch viele andere Unternehmen beteiligen. Ziel dieser Kooperation von Kirche und Wirtschaft ist es, Kinder und Eltern in prekären Lagen unbürokratisch und nachhaltig zu unterstützen. Denn, so Thomas Buschjohann von KSM Castings: „Ohne Menschen funktioniert kein Unternehmen.“

Anderthalb Jahre nehme er sich Zeit, um die Kirchenkreise der Landeskirche kennen zu lernen und besser zu verstehen, sagte Ralf Meister. „Es ist eine Würdigung und Bestätigung, und zugleich formt sich ein großes Bild.“ Anfang kommenden Jahres wolle er die Eindrücke und Ergebnisse dieser Besuche auswerten. Aus Hildesheim nimmt er unter anderem die Gewissheit mit, dass Kirchenvater Augustinus vor rund 1600 Jahren sehr vorausschauend dachte, als er schrieb: „Oh Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.“

Text und Foto: Kultur & Kommunikation (Ralf Neite) 

Der Bischof (Mitte) zeigte sich beeindruckt von der Architektur der Paul-Gerhardt-Kirche. Links Superintendent Helmut Aßmann, rechts Pastor Rainer Schwartzkopff.
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