Ohne Einladung genießt es sich besser

Kirchenmusik einmal ganz anders: „NEULAND“-Projekt macht in Hildesheim Station

Hildesheim. Die Szenerie ist unwirklich: Am Hohnsen-See, mitten auf der Liegewiese, sitzt ein Mann im schwarzen Anzug und spielt Harmonium, singt etwas in lateinischer Sprache und stimmt schließlich ein Hallelujah an. Unterdessen laufen Jogger vorbei, Mütter schieben Kinderwagen vorüber, Jugendliche schütteln belustigt den Kopf, Radfahrer drosseln ihr Tempo. Und manche der Passanten setzen sich einfach auf die Gartenbank neben dem Harmonium, um eine Weilelang zuzuhören.

Ulf Pankoke singt und spielt am Hohnsensee barocke Kirchenmusik, Christoph Malinski hat auf der Gartenbank Platz genommen und lässt sich mit seinem Hund vom Klang des Harmoniums verwöhnen.

Die Evangelische Landeskirche betritt derzeit „NEULAND“ mit ihrem gleichnamigen Projekt, um die Kirchenmusik aus den ehrwürdigen Mauern herauszuholen und mitten unter die Menschen zu bringen – in Fußgängerzonen, auf Inselfähren oder in Wildparks. Klanginstallationen, Performances, Experimente, Konzerte und spontane Ständchen wie jetzt am Hohnsen sollen neue Begegnungen mit einer Musik ermöglichen, die viele Menschen bisher als ernst und ein bisschen

angestaubt betrachtet haben. Wichtig dabei: Die Aktionen sind immer überraschend, werden nirgendwo vorher angekündigt. Man muss einfach Glück haben und zur rechten Zeit am richtigen Ort sein.

Das „Musikalische Rendezvous“ mit dem Lüneburger Ulf Pankoke ist eine dieser „NEULAND“-Ideen, und Hildesheim ist die erste Station. Am Parkhaus-Deck in der Arnekengalerie, im Magdalenengarten und am Hohnsensee stellt er sein wertvolles Harmonium auf, daneben immer die Gartenbank mit den weichen gelben Polsterkissen. Die ZuhörerInnen sollen es ja bequem haben und die Musik genießen können.

Die ist in diesem Fall übrigens ganz klassisch und gar nicht experimentell. Ulf Pankoke, im Hauptberuf Landesposaunenwart der evangelischen Kirche, interpretiert Werke des frühen bis späten Barock, von Monteverdi bis Campra. „Affekte spielen eine große Rolle, das finde ich spannend“, sagt der Musiker, „und ich mag die Musik so sehr, dass ich sie auch gerne für mich spiele.“

Dazu hat er anfangs reichlich Gelegenheit, denn das Konzept will zunächst nicht aufgehen. Die Projektleiterin Silke Lindenschmidt und andere „Neuland“-Mitarbeitende versuchen, Passanten mit Postkarten auf die Aktion aufmerksam zu machen und sie auf die Bank zu lotsen. Doch nur wenige trauen sich, zumal eine Fotografin das Ganze dokumentiert.

Also probiert das Team bei der dritten Station eine neue Taktik aus: Es werden keine Informationen mehr verteilt, keine Einladungen ausgesprochen. Statt dessen singt und spielt Ulf Pankoke allein auf der Wiese. Und jetzt bleiben die Leute stehen, lesen sich den Text eines Info-Plakats am Rand des Weges durch – und nehmen das Angebot zum Privatständchen an. Einige Genießer bleiben viele Stücke lang sitzen, und eine Mutter beginnt mit ihrer kleinen Tochter sogar zu tanzen. Am Ufer des Hohnsensees ist Neuland in Sicht.

Weitere „NEULAND“-Aktionen sind beim großen Kirchenmusikfest „Gottesklang – Das Fest“ am 9. Juni in der gesamten Hildesheimer Innenstadt zu erleben.

NEULAND im Internet und bei FACEBOOK:
http://www.musikausneuland.de
http://www.facebook.com/jahrderkirchenmusik

Text und Foto: Kultur & Kommunikation (Ralf Neite)

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