Der Stubentisch wird zum Altar

Wenn der Kirchgang zu schwer wird, kommt der Gottesdienst nach Hause

Hildesheim. Ihr Leben lang war für Gertrud Sundermeyer der Besuch des Gottesdienstes eine Selbstverständlichkeit. Nicht zuletzt, weil sie mit einem Pastor verheiratet war. Karl Sundermeyer hatte bis zu seiner Pensionierung vor 30 Jahren die Pfarrstelle in Hohenhameln-Soßmar inne. Jetzt spielt die Gesundheit nicht mehr mit, und für die 93 Jahre alte Witwe ist der Kirchgang fast unmöglich geworden. Doch an diesem Tag kommt die Kirche zu ihr nach Hause: In Gestalt von Pastor Kicco Schwartz, eigentlich Seelsorger im Klinikum.

Tischgottesdienst: Pastor Kicco Schwartz bleibt lieber sitzen, damit Gertrud Sundermeyer (links) und die anderen Gottesdienst-Teilnehmenden nicht zu seinen 1,96 Metern hochschauen müssen.

Zum zweiten Mal hat das Diakonische Werk e.V. im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt einen ambulanten Gottesdienst als Gruppenangebot organisiert. Wer nicht mehr in die Kirche gehen kann, den besuchen die Gemeindepfarrer auf Wunsch auch sonst zum Gottesdienst zu Hause, zu einem vereinbarten Termin. Zum Jubiläum der Diakonie-Pflege im letzten Herbst fanden solche Gottesdienste erstmals in vielen Häusern gleichzeitig statt, um so unter den Teilnehmenden in den verschiedenen Wohnungen eine Gemeinschaft herzustellen.

Dieses Mal sind es sechs Pastorinnen und Pastoren, die von der Diakoniestation am Steinberg ausschwärmen. Die Geistlichen haben das Abendmahlsgeschirr, eine Flasche Rotwein und Liederzettel im kleinen Köfferchen dabei, den Talar über dem Arm. Pastor Christian Ceconi, Vorstand des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Hildesheim-Sarstedt, und Superintendent Helmut Aßmann sprechen mit den Mitwirkenden ein gemeinsames Gebet. So ausgerüstet, machen sich Geistliche und Pflegende auf den Weg zu den Patientinnen und Patienten der Diakoniestation Hildesheim, die sich für den ambulanten Gottesdienst angemeldet haben.

Geistliche aus dem Kirchenkreis und Mitarbeitende der Diakoniestation Hildesheim-Sarstedt sind bereit für den Hausbesuch bei den Patienten, die dieses Mal Pflege für die Seele erhalten sollen.

 

Gertrud Sundermeyer hat zwei Freundinnen zum Gottesdienst eingeladen: Dorothea Hochgreve und Liesbeth Niehoff gehörten lange mit ihr zusammen einem Bibelgesprächskreis der Lambertigemeinde an. Heute sitzen sie mit ihr am Stubentisch, um das Abendmahl zu empfangen. Symbolisch mit dabei ist auch die Familie: Ein großes Fotos steht an die Wand gelehnt. Aus vier Kindern, elf Enkeln und vier Urenkeln besteht die Nachkommenschaft der Eheleute Sundermeyer: „Ich habe Glück mit meinen Kindern“, sagt die Uroma. Altenpfleger Fethi Donma hat Gertrud Sundermeyer schon früh zur Morgentoilette besucht. Jetzt hat er seine Runde bei den Patienten beendet und lässt es sich nicht nehmen, den Gottesdienst bei ihr mitzufeiern.

Da gerade erst Johannistag war, spricht Pastor Schwartz über Johannes den Täufer und dessen Vater Zacharias. Er bezieht die Teilnehmer in den Gottesdienst ein; in so kleiner Runde kann die Predigt auch zum Gespräch werden. Aus seiner Zeit als Pfarrer in Südafrika erzählt er, dass Hausgottesdienste dort selbstverständlicher Bestandteil des Gemeindelebens seien. Am Ende werden die kleinen Abendmahlskelche abgewaschen und wieder verpackt, der improvisierte Altar ist wieder Gertrud Sundermeyers Stubentisch.

Text und Fotos: Kultur & Kommunikation (Wiebke Barth)

 

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