Alle Hände am Sprungtuch

Inklusions-Fachtag der Diakonie Himmelsthür im Kreishaus stellt neue Perspektiven für das Wohnen und Arbeiten von Menschen mit Behinderung vor

Hildesheim. Inklusion ist in aller Munde. Das selbstverständliche Miteinander aller Menschen ist ihr Ziel. Für viele Menschen mit Behinderung beginnt dieser Prozess mit einem Umzug: raus aus dem Wohnheim, hinein in die Stadt, mitten ins Leben der Gesellschaft. Die Diakonie Himmelsthür unterstützt sie mit neuen Wohn- und Assistenzangeboten. Doch „Selbstbestimmung birgt immer auch ein Wagnis“, wie es Direktor Ulrich Stoebe formuliert. „Und wer hält das Sprungtuch?“ war deshalb die Kernfrage der siebten Inklusions-Fachtagung, zu der die Diakonie Himmelsthür eingeladen hat.

Zum Abschluss der Tagung wurde aus dem symbolischen Sprungtuch ein ganz reales, bei dem alle mit anfassen konnten. Foto: Hüsemann

Bisher haben die Tagungen am Hauptstandort der Diakonie Himmelsthür in Sorsum stattgefunden, jetzt entschieden sich Regionalgeschäftsführerin Judith Hoffmann und Kundenmanagerin Monika Mai, es wie mit den Wohnangeboten zu halten: Sie verlegten die ganztägige Veranstaltung in die Stadt, in den großen Sitzungssaal des Kreishauses. Rund 150 Menschen nahmen die Einladung an: Zu je einem Drittel Mitarbeitende der Diakonie Himmelsthür und anderer Facheinrichtungen; Menschen mit Behinderungen; deren Angehörige und gesetzliche Betreuerinnen und Betreuer.

Schon durch die Besetzung war der Fachtag inklusiv. Im Bildungsmarkt, der begleitend im Foyer aufgebaut war, demonstrierten Menschen mit Behinderung die Angebote der Tagesförderung. Und auch das „Fliegende Büffet“ zur Mittagszeit wurde von Kundinnen und Kunden der Diakonie Himmelsthür serviert.

Regionalgeschäftsführerin Judith Hoffmann stellte den neuen Ansatz der Hausgemeinschaft vor, der in Hamburg und Baden-Württemberg bereits praktiziert wird und den die Diakonie Himmelsthür jetzt auf niedersächsische Gegebenheiten anpasst. Diese Gemeinschaften werden in barrierefreien und rollstuhlgerechten Mehrfamilienhäusern realisiert, die in lebendige Nachbarschaften mit guter Infrastruktur eingebunden sind. Menschen mit ganz individuellen Bedürfnissen und unterschiedlichstem Unterstützungsbedarf können hier leben.

Judith Hoffmann zeigte, wie diese Idee in unterschiedlichen Kontexten umgesetzt werden kann: in zentral gelegenen Wohnungen einer Groß- oder Kleinstadt, genauso aber auch als Hofgemeinschaft auf dem Land. Aus diesem Grund habe die Diakonie Himmelsthür in den letzten Jahren immer wieder nach geeigneten Grundstücken gesucht, Investoren angesprochen und gefunden. Sie sei überrascht über die positive Resonanz bei den Geschäftsleuten, freute sich Judith Hoffmann.

Inklusion betrifft freilich nicht nur das Wohnen, sondern auch den Bereich Arbeit. Nadine Voss und Volker Benthien vom Verein „Leben mit Behinderung Hamburg“ stellten Konzepte vor, wie Tagesförderstätten schwerst behinderten Menschen die Teilnahme am Arbeitsprozess ermöglichen können. Denn, so Nadine Voss: „Jeder Mensch will notwendig sein.

Detlev Jähnert, Referent des Behindertenbeauftragen des Landes Niedersachsen, riet den Eltern behinderter Menschen ihre Kinder in die Selbstständigkeit zu entlassen. Damit verbundene Ängste seien „weitgehend unbegründet“, so Jähnert. Wolfgang Müller, Mitglied im Bundesbeirat der Angehörigen der evangelischen Behindertenhilfe, forderte Angehörige und gesetzliche Betreuerinnen und Betreuer auf, sich zusammenzuschließen, um ihre Wünsche, Kritik und Forderungen besser vertreten zu können. „Ausreichend qualifiziertes Personal – das ist unsere größte Sorge“, sagte Workshopleiterin Dr. Gabriele Greve stellvertretend für die Angehörigen und gesetzlichen Betreuerinnen und Betreuer.

Moderator Prof. Dr. Oliver Kestel von der HAWK fasste das Ergebnis des Fachtags so zusammen: „Im Grunde stehen wir alle an dem Sprungtuch – mit beiden Händen festhaltend.“

Text: Kultur & Kommunikation

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