Ökumenische Turmfalken

Naturschutzbund und Ornithologen zeichnen Andreas- und Michaeliskirche aus

Hildesheim. Die Türme der Michaeliskirche und der Andreaskirche sind ausgezeichnet: Nicht nur als Weltkulturerbe oder Aussichtsturm, sondern auch als Lebensraum. Der Ornithologische Verein Hildesheim und der Kreisverband Hildesheim des Naturschutzbundes haben den beiden Kirchengemeinden mit Urkunde und Plakette nun bescheinigt, dass sie mit ihrer Kirchturmpolitik zum Naturschutz beitragen.

Zurzeit ist der Andreaskirchturm für die Sanierung eingerüstet, doch davon lassen sich die Wanderfalken nicht stören, denn sie wohnen weit höher und nutzen gern die Wasserspeier für ihre Landung. Dieter Goy (links) überreichte Plaketten und Urkunden an Andreas-Pastor Detlef Albrecht, Küster Uwe Merten, den Kirchenvorstandsvorsitzenden Volker Kretschmer und Michaelispastor Dirk Woltmann. Foto: Barth

In den Türmen der Michaeliskirche seien schon seit mehr als 20 Jahren Turmfalken zu Hause, sagt Pastor Dirk Woltmann. Die Türme bieten ideale Nischen, in denen die Falken ihre Eier einfach auf dem nackten Boden ablegen. Der nahe Liebesgrund bietet sich als Jagdrevier an. Größere Vögel, die der eigenen Brut gefährlich werden oder ihnen die Beute streitig machen könnten, halten die Falken rigoros von der Michaeliskirche fern, hat Pastor Woltmann beobachtet.

Auch während der mehrjährigen Sanierungsphase, als die Kirche manchmal bis zu den Kirchturmspitzen hinter Gerüst verschwand, blieben die Turmfalken ihren Nistplätzen treu. Denn die Flugschneise der Falken ist immer offen geblieben. „Wir haben die Bauarbeiter darauf aufmerksam gemacht, dass uns das wichtig ist. Und sie waren alle sehr rücksichtsvoll“, sagt der Pastor. Zwar wechselten die Falken mal von einem Turm zum anderen, doch jetzt sind sie wieder im nordwestlichen Treppenturm eingezogen, der ist ihnen am liebsten.

Dank der Webcam am Nistplatz lassen sich die Wanderfalken im Andreaskirchturm sogar bei der Fütterung ihrer Jungen beobachten.
Im Andreaskirchturm haben sich sogar die seltenen Wanderfalken niedergelassen. In einem Nistkasten, den die Kirchengemeinde gemeinsam mit dem Ornithologischen Verein im Turm untergebracht hat, wurden erstmals im Jahr 2009 Junge aufgezogen. Seitdem kommt das Falkenpaar jedes Jahr wieder und sorgt für Nachwuchs. Die Eier werden Ende März abgelegt, im Mai schlüpfen die Jungvögel. Drei solcher „Wollknäuel“ waren es in diesem Jahr, sagt Küster Uwe Merten. Nachdem 2009 die ungeübten jungen Flieger in der Innenstadt abgestürzt waren, hat er vor dem Nistkasten außen am Turm ein Brett angebracht. Hier können die jungen Vögel sitzen und ihre Flügel ausbreiten.

Von dort aus trainieren sie zwei bis drei Wochen, ehe sie selbst auf die Jagd gehen. Können sich die Jungvögel selbst versorgen, suchen sie sich ein eigenes Revier. Wanderfalken jagen in einem Umkreis von zehn bis 15 Kilometern und müssen sich daher in ausreichendem Abstand voneinander ansiedeln. „Im Landkreis Hildesheim haben wir zur Zeit vier Paare“, sagt Dieter Goy, der im Namen von Ornithologischem Verein und Naturschutzbund die Urkunden und Plaketten überreichte.

Mit dem Projekt Lebensraum Kirchturm machen die Naturschützer seit 2007 auf die Bedeutung von Kirchtürmen für die Tierwelt aufmerksam. Neben Falken haben traditionell auch Dohlen, Sperlinge, Mauersegler, Schleiereulen oder Fledermäuse in den Nischen und Ritzen der alten Bauwerke Unterschlupf gefunden. Wenn im Zuge von Sanierungen Ritzen geschlossen und Fenster vergittert werden – oft um Tauben fernzuhalten – gehen wichtige Rückzugsmöglichkeiten verloren.

Er kennt die Falken aus nächster Nähe, denn er hat ihnen nicht nur ihre Start- und Landefläche angebaut, sondern auch eine Webcam am Nistkasten angebracht. Zum Glück ist der Küster schwindelfrei, denn zu dem Nistplatz in 100 Metern Höhe gelangt er nur über mehrere Leitern im Inneren des Turms. Demnächst will er sich wieder hinaufwagen und die Kamera säubern, damit es im nächsten Jahr vom Nachwuchs wieder klare Bilder gibt.

Mehr als 500 Kirchen konnten die Naturschützer in Deutschland bereits für ihr Engagement auszeichnen, sagt Goy. In Hildesheim werde demnächst auch die Paul-Gerhardt-Kirche die Plakette erhalten. Außerdem sei im Oktober eine gemeinschaftliche Auszeichnung für eine ganze Reihe von katholischen Kirchen geplant. „Bei uns nisten die Turmfalken ja am Übergang zur Krypta“, meint Pastor Woltmann: „Die sind also ökumenisch.“

 

Text und Foto: Kultur & Kommunikation (Wiebke Barth)

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