Kreuze im Kürbis

 Theologen sehen Halloweenfest mit Gelassenheit

Von Karen Miether (epd)

Lüneburg/Hannover (epd). Kürbisgesichter allerorten und maskierte Kinder, die von Haus zu Haus ziehen. Halloween am 31. Oktober wird immer populärer. Manche Kirchenvertreter sehen das Gruselfest kritisch, weil es in der öffentlichen Wahrnehmung den Reformationstag verdrängt, der am selben Tag an den Thesenanschlag Martin Luthers im Jahr 1517 erinnert. Doch evangelische Theologen wie Gerhard Wegner raten davon ab, den Halloween-Boom zu verdammen. „Besser wäre es, das Ganze christlich zu umrahmen“, sagte der hannoversche Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Montag. Auch der Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum bei Nienburg, Stephan Schaede, wirbt für einen gelassenen Blick auf den aus den USA importierten Grusel-Brauch. „Vielleicht kann eine augenzwinkernde Reaktion darauf sein, einfach mal Kürbisse mit Kreuzen auf die Fensterbank zu stellen“, schlägt er vor.

Wegner und Schaede sind sich einig: statt griesgrämig auf den Trend zu reagieren, sei eigene Kreativität der richtige Weg. Mit modernen Thesen- Anschlägen, Theater-Stücken zum Leben des Reformators oder „Luther- Bonbons“ versuchen bereits vielerorts Gemeinden, den Reformationstag neu schmackhaft zu machen. Ein wiederkehrendes Großevent an diesem Tag wäre eine gute Idee, sagt der kirchliche Sozialexperte Wegner. Wichtig sei, dass vor allem Kinder etwas Bereicherndes entdeckten: „Die christlichen Feste haben ganz viel mit der Formatierung der Gefühlswelt zu tun – und das geschieht zentral in der frühen Kindheit.“ In Halloween sieht Wegner jedoch mehr als nur ein Konsumfest: „Das ist ein Stück neue Volkskultur – nicht nur Kommerz wie sonst so vieles.“ Bei dem Gruselfest ziehen Kinder als Geister, Monster oder Hexen verkleidet durch die Straßen und fordern von ihren Nachbarn Süßigkeiten nach dem Motto „Streich oder Belohnung“ (englisch: „trick or treat“). Für die Kleinen sei das gut, meint die Lüneburger Entwicklungspsychologin Maria von Salisch: „Wenn Kinder jemanden spielen, der andere zum Gruseln bringt, schlüpfen sie in die Rolle, die sie sonst selten haben, nämlich die des Mächtigen.“ Sich in andere Rollen zu versetzen, helfe Kindern grundsätzlich dabei, neue Aspekte ihrer Persönlichkeit spielerisch zu erkunden, sagte die Professorin der Leuphana-Universität Lüneburg. „Wir haben das im Alltag in Norddeutschland so selten, dass ich jede Gelegenheit begrüße, wenn Kinder sich verkleiden können.“ Akademiedirektor Stephan Schaede erinnerte an Traditionen, die christliche Feste mit ähnlich sinnlichen Aktionen verknüpften. Dazu gehörten die Martinsumzüge vor allem in katholischen Regionen. Sie könnten häufiger ökumenisch gestaltet werden: „Da lässt sich mehr draus machen.“ Auch der Nikolaustag und vor allem Krippenspiele am Heiligen Abend sorgten für prägende Erfahrungen vor dem Hintergrund der christlichen Botschaft. Auch Halloween habe religiöse Hintergründe, die vielen in ihrer „Verkleidungsseligkeit“ aber nicht bewusst seien: „Der Ritus bleibt übrig, aber er hat seine Bedeutung verloren.“

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2 Gedanken zu “Kreuze im Kürbis

  1. Wolfgang schreibt:

    Dass es psychologisch gut sei, wenn Kinder Halloween feiern, entspricht nicht meiner Erfahrung und ist unlogisch. Der Novmeber ist die Zeit, in der auf der Nordhalbkugel der Erde die Vergänglichkeit unausweichlich sichtbar wird; deshalb steht und stand in allen Kulturen dann die Bewältigung der Endlichkeit, das Totengedenken und dergleichen im Vordergrund – und natürlich ist diese Thematik auch angstbesetzt. Halloween vermittelt einen für Kinder (wie auch für Erwachsene) höchst problematischen Umgang mit Angst: Wenn mir etwas Angst macht, soll ich einfach selbst anderen Angst machen. Das ist psychologisch gesehen üebrhaupt nicht gesund, sondern potenziert die Ängste.
    Dass Halloween „so amerikanisch ist“ (was ja nur sehr eingeschränkt stimmt) oder dass es mit Reformation auf einen Tag fällt ist für mich nicht der Hauptpunkt der Kritik. Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen zwei Feiertage gleichzeitig stattfinden. Wenn am 2. Advent manchmal auch der „Tag der Menschenrechte“ begangen wird, ist das für mich z.B. kein Problem, selbst wenn es den adventlichen Charakter der Zeit verdrängen könnte – und auch der Volkstrauertag ist eigentlich etwas anderes als der „Sonntag vom Jüngsten Gericht“, der die eigentlich kirchliche Thematik am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr bestimmt. Und an Pfingsten gibt es vielerorts phantasievolle Verbindungen mit nichtkirchlichen Festen wie Schützenfest oder einem Jazzfestival. Kritikpunkt ist der alberne, kommerzielle und der pädagogisch keineswegs ungefährliche Inhalt dieses Tages. Das sollte m.E stärker in den Vordergrund auch kirchlicher Äußerungen zu diesem Tag gestellt werden.

    1. @wolfgang

      Sehr geehrter Kommentator,

      dass die Kirche nicht glücklich ist mit Halloween, dürfte bekannt sein. Viele Gemeinden kämpfen seit Jahren gegen die zunehmende Geschichtsvergessenheit an und bieten schöne, fantasievolle Gottesdienste rund um den Reformationstag.
      Ich denke: so sehr Erwachsene abends gerne mal einen Krimi im Fernsehen schauen, so sehr möchten Kinder sich ab und zu gruseln. Die rituelle Bearbeitung des Grusels ist wichtig, schafft sie doch die nötige Distanz, eigene Ängste zuzulassen, einzuordnen und zu überwinden. Ob Halloween dafür geeignet ist, gilt es zu überprüfen, aber ausgeschlossen ist es nicht.
      Bei uns an der Tür haben kleine Mini-Monster geklingelt und Süßigkeiten bekommen (vielleicht geht´s auch nur darum!). Und freudestrahlend sind sie wieder abgezogen. Es war recht harmlos.
      Die Verlautbarungen der EKD zum Thema wollen einladen zum Gespräch darüber. Ausgrenzung hilft nicht, stellt die Kirche nur in eine undankbare Nörglerposition. Wir evangelischen Christen müssen positiv dagegen setzen, was wir an diesem Tag feiern, und wir müssen zum Thema „Angst“ Stellung beziehen.
      Ein Missionar des ELM erzählte mir einmal, die Mission habe deshalb in Afrika so große Erfolge gehabt, weil die Menschen plötzlich einem Gottesbild begegneten, vor dem sie keine Angst mehr haben mussten.

      Herzlichst, Ihr Karlo Scholz

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