An Bach kommt keiner vorbei!

Zum 25-jährigen Dienstjubiläum an St.Michaelis Hildesheim: Kirchenmusikdirektor Helmut Langenbruch im Gespräch.

Hildesheim. Einen Termin mit Helmut Langenbruch zu bekommen, ist nicht so einfach. Er ist ein vielgefragter und vielbeschäftigter Mann. Letztlich hat es aber doch geklappt. Im Pfarr- und Gemeindehaus St. Michaelis in Hildesheim kommt er mir entgegen. Wir treffen uns in einem Gruppenraum zum Gespräch.

25 Jahre ist er nun an St. Michaelis verantwortlich für die Förderung der Kirchenmusik in Gemeinde und Stadt Hildesheim. 25 Jahre spielt er an der 1999 eingeweihten neuen Michaelis-Orgel, erbaut von Gerald Woehl aus Marburg, dirigiert er Instrumentalgruppen und Bläserchöre. Er leitet die Aus- und Fortbildung nebenberuflicher Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker und hat die kirchenmusikalische Fachaufsicht im Sprengel Hildesheim. Eine gewaltige Fülle an Aufgaben.

Kirchenmusikdirektor Helmut Langenbruch an der Orgel in Michaelis Hildesheim

Er lacht, als ich frage, ob er auch in der Freizeit gerne besondere Musik höre. Nein – meistens sei ihm das Hören von Musik während seiner Arbeitszeit genug, antwortet er. Ich glaube ihm nicht so recht, denn Musiker müssen in einem bestimmten Maße positiv Verrückte sein, die sich mit Leib und Seele der Tonkunst verschreiben. Das kann bei ihm eigentlich nicht anders sein.

Gab es was zu feiern hier auf dem Michaelishügel? „Ja – ich bin nun seit April genau 25 Jahre angestellt, ebenso alt ist der Posaunenchor, den ich sogleich nach meinem Dienstantritt hier gegründet habe. Wir haben das ganz würdig begangen mit Konzerten und Serenaden – auf der großen Treppe haben wir gespielt, eine sehr schöne Stimmung“

Als A-Musiker ist das Dirigieren alltägliche Beschäftigung. Aber muss man auch selbst die Trompete oder Posaune blasen, um einen Posaunenchor zu leiten? Kirchenmusikdirektor Langenbruch lächelt weise auf diese etwas naive Frage. „Es ist schon von Vorteil, wenn man es kann.“ Ernster ist da schon ein anderer Aspekt des Dirigierens: wie bekommt man alle auf dasselbe Niveau? „Ambitionierte Bläserinnen und Bläser“, so Langenbruch, „ üben jeden Tag.“ Von ihrer Geschichte her gab es immer schon das Musizieren unter gottesdienstlich-missionarischen Aspekten und die Musik um der Musik willen. Dass da die Ansprüche auseinanderfallen, ist ihm, dem Künstler bewusst. Der Bläserkreis an Michael arbeite mit hohem musikalischem Gestaltungsanspruch, verkenne aber nicht, dass er auch immer für die Gemeinde spiele. „Man kann in jedem Musikstil anspruchsvolle Musik machen”, so Langenbruch. Zur Literatur gehöre deshalb auch mal Jazz und Gospel. „Selbst schlichte Musik hat ihren Platz, wenn sie eben nicht schlecht“ gemacht ist.“

Als Gesprächspartner merkt man sofort, dass Helmut Langenbruch ein Musikdirektor ist, der auf den Punkt kommt, der einen Sinn für Timing und Stil hat, der aber bei aller notwendigen handwerklichen Treue und Akkuratesse die Seele und den Sinn der Musik erspürt. Gab es da einen biografischen Zeitpunkt (in der Kindheit?), als er für sich erkannte, was der Geist von Musik ist, gab es „dieses“ Schlüsselerlebnis, das die Bestimmung zur Musik anzeigte? Das sei eigentlich schon sehr früh passiert, schmunzelt Langenbruch, als er nämlich an der Orgel der väterlichen Kirche (der Vater war Pastor) gerne improvisierte und versonnen spielte, zunächst als Elfjähriger nur am Manual, die Beine reichten noch nicht so weit hinunter ans Pedal. „Ich habe während des Studiums ein wenig bereut, dass ich als Jugendlicher weniger exakt übte und stattdessen mehr vor mich hin fantasierte. Die Musik ist ja auch harte Arbeit und hartes Üben.“ Erstens, man glaubt ihm kaum, dass er deswegen im Studium Schwierigkeiten gehabt haben sollte, so virtuos klingt sein Spiel heute an der Orgel. Zweitens kehrt hier ein Grundmotiv des Musikpädagogen und Dirigenten Langenbruch wieder: Musik ist zuallererst hartes lang andauerndes Einüben. „Was leicht klingt, ist deshalb nicht leicht gemacht.“

Die Leidenschaft zur Musik ist bei Helmut Langebruch in jedem Augenblick des Gespräches zu spüren. Aber dies ist auch eine Kunst die Leiden schafft, wie der Volksmund sagt. Vor jedem Konzert sei er aufgeregt. Das muss wohl so sein. Die Noten am Instrument, ob Klavier oder Orgel, oder im Dirigat immer auf den Punkt zu treffen, sei eine ungeheure Konzentrationsleistung. Staunend hört der Interviewer, dass in St. Michaelis Hildesheim in manchen Jahren bis zu 40 Konzerte veranstaltet werden. Sicher ist dies auch einer gewissen Konkurrenzsituation in der Stadt geschuldet. Hildesheim ist reich an Musik. Und die Hildesheimer schauen sich recht genau an, welche Musik-Formate so langlebig betrieben werden, dass sie sich einbürgern. Erst dann könne man ein Ansteigen der Besucherzahlen beobachten, so Langenbruch. Musik funktioniert nicht ohne Marketing.

Apropos Konzentrationsleistung: “Ich versuche Sport zu machen, um Musik machen zu können. Man muss fit sein.“ Man glaubt es ihm bei seiner großen schlanken Figur.

Irgendwie kommen wir auf das kirchenmusikalische Dauerthema „Gospel“. Da ist der Kirchenmusikdirektor, der viele Interessen berücksichtigen und ausgleichen muss, sehr diplomatisch in seiner Wortwahl. Er sagt, die Begeisterung sei natürlich ein großes Pfund, mit dem man wuchern könne. Sprich: es sei schon wichtig, dass Menschen überhaupt ihre Freude an der Kirchenmusik haben, egal welcher Couleur. Und – man solle doch die so genannte „Klassische“ Musik nicht gegen die aus Amerika herüber gewehte Gospelmusik ausspielen. Sicher – die „große Welle“ werde in Zukunft wieder abebben. Aber im Augenblick lebten in der Kirche mehrere Musikrichtungen fröhlich nebeneinander her. „Das liegt auch an der Forschungsstätte Michaeliskloster Hildesheim, an dem viel geleistet worden ist für die Integration der Popularmusik in die Gottesdienstkultur.“

Im Michaeliskloster ist Langenbruch ein häufiger und gern gesehener Gast, aber auch selbst Referent. Die Wege sind kurz. Man spürt, dass dies ein echter Standortvorteil ist für den Musiker der Kirche. Überhaupt sei die Landeskirche Hannover sehr gut aufgestellt und gut organisiert. Die ruhige, unaufgeregte Art liege ihm mehr als das rheinische Temperament. Langenbruch spielt hier auf einen wichtigen Lebensabschnitt an, den er in Essen und Düsseldorf verbracht hat. In Essen hat er Kirchenmusik studiert, in Düsseldorf seine ersten Sporen als Musiker verdient. „Da war die Konkurrenz groß. Mehr als 30 ambitionierte Kollegen haben sich gegenseitig das Beste abverlangt.“ Warum er 1987 nach Hildesheim gekommen ist? Hildesheim habe ihm sehr gefallen durch die kirchliche Prägung, aber eben auch durch die Möglichkeiten, die sich einem Dirigenten und Chorleiter an solch schönem Gotteshaus böten.

Eine Frage muss erlaubt sein – welches sein Lieblingskomponist ist. Er beantwortet diese Frage mit allem Ernst und Vernünftigkeit. „An Johann Sebastian Bach kommt man nicht vorbei.“ Gerade für die evangelische Musik war und ist Bach der Orientierungspunkt im musikalischen Ozean. Dann wird Langenbruch emotionaler: „Ich entdecke laufend Neues an den Bachschen Orgelwerken. Aber sehr gern spiele ich auf der Miachaelis-Orgel die Mendelssohn – Sonaten. Die romantische Klangfarbe auf dieser Orgel – das passt.“

Text und Bild: Karl-Otto Scholz, Öffentlichkeitsarbeit im Sprengel Hildesheim-Göttingen

Information: Helmut Langenbruch hat einiges an Orgelmusik auf CD veröffentlicht: Die Orgelsonaten Opus 65 von Felix Mendelsson-Bartholdy beispielsweise. / Alles zu finden auf: http://www.langenbruch-online.de

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