Grabstein aus Frauenhand

Künftig gibt es mehr Frauen im Steinbildhauergewerbe

Hildesheim/Frankfurt (epd). Mit einer Druckluftpistole in den zierlichen Händen bearbeitet Sarah Helbig den Grabstein vor ihr. Weißer Staub wirbelt in der Hildesheimer Werkstatt auf, während die 22-jährige Auszubildende den Stein grob in die gewünschte Form bringt. Das Radio ist bei dem hämmernden Lärm nicht mehr zu hören. Helbig ist in Deutschland eine Ausnahme. In den vergangenen zehn Jahren hat sich nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Steinmetze und Steinbildhauer die Zahl der Auszubildenden in den Beruf halbiert. Und nur 15 Prozent der rund 1.000 Lehrlinge sind weiblich.

Sarah Helbig hat dieses Handwerk ganz bewusst gewählt, sagt sie. Auch wenn die körperliche Arbeit manchmal anstrengend ist. Zu sehen, wie das Material unter ihrer Einwirkung seine Farbe verändern kann und eine ganz neue Struktur bekommt, fasziniert die Auszubildende jedes Mal. „Wenn ich einen Stein fertiggestellt habe, dann bin ich einfach nur stolz.“

Dabei hat Helbig in den zwei Ausbildungsjahren auch schwierige Momente erlebt. In einer Woche erschienen gleich drei Elternpaare, um Grabsteine für ihre verstorbenen Kinder auszusuchen. „Das war sehr schwer.“ Gleichzeitig hätten die Eltern aber außergewöhnlich individuelle Ideen gehabt. Auf dem Grab des einen Jungen, der so gerne Fußball spielte, erinnert nun auch der Stein an sein Hobby.

Stefan Reinmüller vom Bundesverband der Steinmetze in Frankfurt vermutet, dass viele Jugendliche auf Ausbildungsplatzsuche die Konfrontation mit dem Thema Tod davon abschreckt, Steine für den Friedhof zu schaffen: „Aber selbst bei Grabsteinen gibt es eine große Vielfalt, wo Kreativität gefragt ist.“ Mit insgesamt 1.000 Auszubildenden bundesweit sei in den kommenden Jahren mit einem massiven Nachwuchsmangel in dem Beruf zu rechnen.

Sarah Helbig findet gerade die gestalterische Freiheit in dem Beruf schön. Oft führt ihr Weg sie in fremden Städten über die Friedhöfe, erzählt sie, während sie ihr Werkzeug beiseitelegt. „Ich gehe mit ganz anderen Augen durch die Stadt und schaue mir auch die verzierten Hausfassaden an“, sagt die 22-Jährige. Den Friedhof neben dem Betrieb kennt sie mittlerweile besonders gut, denn manche Grabsteine können nur direkt vor Ort beschriftet werden. „Ich bin gerne da und genieße die Ruhe.“

Nur selten überlässt die einzige Frau im Betrieb die ganz schwere Arbeit ihren männlichen Kollegen. Frauen sind ihrer Meinung nach sogar besser für das Handwerk geeignet. „Frauen haben mehr Feingefühl und sind nicht so zerstörerisch“, sagt sie und lacht dabei frech. Zudem habe sie oft einen ganz anderen Blick auf die mögliche Gestaltung der Steine als ihre Kollegen.

Dass die Steinbildhauerei längst nicht mehr ein Männerberuf ist, bestätigt auch die Vorsitzende des Berufsbildungswerks, Nina Pförtner. „Wenn Frauen den Beruf ergreifen, sind sie oft sehr erfolgreich“, berichtet die Steinmetzin, die 1975 die erste Auszubildende in Hessen war. Mittlerweile könnten Frauen durch technische Werkzeuge das Handwerk in allen Facetten ausüben. Ihr Anteil in der Berufsgruppe steige.

Sarah Helbig greift wieder zum Eisen und zum Knüpfel, einem Schlagwerkzeug der Steinmetze. Sie schlägt eine Inschrift in einen Gedenkstein. Die lebensgroße Skulptur erinnert an den Unternehmer Oskar Schindler (1908-1974), der während des Zweiten Weltkriegs jüdische Arbeiter rettete. Der helle Sandstein, ein Geschenk an die Stadt, werde sie wahrscheinlich immer an ihre Mitarbeit daran erinnern. Die junge Frau in Cordhose und Karohemd lächelt. „Ein Stein hält einfach ewig.“

Text: Charlotte Morgenthal (epd)

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