In memoriam

Renate Molle

wurde 1942 in Delliehausen im Solling geboren und war Jüngste von sechs Geschwistern. Schon in der Schule war sie ein aufgewecktes Kind und war mit ausgezeichneten Zeugnissen versehen, die Eltern trauten sich aber nicht, sie auf eine höhere Schule zu schicken. 1957 arbeitete sie in einem Gasthaus als Dienstmädchen. Nach der Heirat 1963 wohnte sie in Lauenberg und schenkte 1968 einer Tochter das Leben.

In der Kirchengemeinde am Ort war sie im Besuchsdienst aktiv. Mit der Aktion Sühnezeichen war sie in den 80ern drei Wochen in Auschwitz. Sie sprach leidenschaftlich gern ostfälisches Platt und förderte dieses Kulturgut nach Kräften. Und sie schrieb leidenschaftlich gern plattdeutsche Lyrik. 1987 erschien ein Lyrik-Band von ihr unter dem Titel „Deißelnsoat“ (Diestelsaat) im Ostfalia-Verlag Peine.

Wer ihre Verse liest, ist beeindruckt über ihre Aussagekraft und Sprachvirtuosität. Gerd Spiekermann schreibt im Vorwort zu „Deißelnsoat“:“Sie nimmt den Dialekt ganz selbstverständlich als … i h r Ausdrucksmittel. (Deshalb fehlen bei ihr auch jene immer wieder auftauchenden Rechtfertigungsreimereien, dass Platt doch nun so schön sei…) Renate Molle erzählt vom Hier und Jetzt, von Schmerzen und Demütigungen, von Angst und Ohnmacht. Das klingt düster, ist aber in erster Linie ehrlich.“

Zwei Drittel ihres Lebens waren Glück und Schaffen – im dritten Drittel kam das Leiden. 1991 erlitt sie einen Gehirnschlag, der sie in den Folgemonaten und –jahren immer wieder in Krankenhaus oder Reha-Klinik zwang. Aufopfernd wurde sie betreut und gepflegt von Ehemann und Tochter. Nach diesem besonders aktiven Leben davor, muss sie das andere als sehr einschränkend empfunden haben. Und doch ließ sie sich nicht entmutigen: sie blieb am Glauben und besuchte, wenn es ging, den Gottesdienst.

Am 17. Dezember 2012 starb Renate Molle 70-jährig in Einbeck.

Die nachfolgenden Gedichte sollen an sie erinnern, bezeugen ihre Sprachmacht und dokumentieren den Verlust, den die Welt mit ihrem Tod erfahren hat.

Text: Karl-Otto Scholz

Arne
Deißelnsoat
drifft
in Novemberwinne
danzet
ümmen aulen Torn
dei sek dräget
un dräget
dat en Muierstoinen
sweimelig werd

joahrhunderteswor
fallet sei
auhne Liut
runder
up dat Minschenkind
dat sek Stunne
ümme Stunne
mie´n aulen Torn
edräget hät

Die hochdeutsche Übersetzung ist eine reine Wortübersetzung und erhebt keinerlei literarischen Anspruch:

Ernte

Diestelsaat
treibt
im Novemberwind
tanzt
um den alten Turm
der sich dreht
daß den Mauersteinen
schwindelig wird

jahrhunderteschwer
fallen sie
ohne Laut
herunter
auf das Menschenkind
das sich Stunde
um Stunde
mit dem alten Turm
gedreht hat

An en Fruind

Loate mein Kopp
doar leien
loate ´ne stille
bei dek
leien
un riege mek nich

bei dek kann ek
anbucken
weil ek woit
dat diu woist
dat ek
blaut emoal
anbucken
mött

An einen Freund

Lasse meinen Kopf
da liegen
lasse ihn still
bei dir liegen
und bewege mich nicht

bei dir kann ich
anlehnen
weil ich weiß
daß du weißt
daß ich
bloß einmal
anlehnen
muß

Appelblaumensnoi

Appelblaumensnoi
lichte un
putt
Sarah un Judith
un öt
unnen in´r Wischen
wu dei Botterblaumen
stunnen
un dei Bottervögel
Geschichten vartellen
ower dei Fäute
loip dat
klare Water

Appelblaumensnoi
lichte un
putt
Öt toog
dat raue Kleed
sau geern an
blaut jümmer
wenn öt
et an harre
kamm öt
mie rautehuilten Ogen
iut´r Schaule

Appelblaumensnoi
lichte un
putt
Mutter toffte all
mie en Köpken melk
Vader was nich
in Huise in´n
Sommere 1937
sei harren ühne
affelanget
tau´n Arbeen
– sie Mutter

Apfelblütenschnee

Apfelblütenschnee
leicht und
zart
Sarah und Judith
und sie
unten in der Wiese
wo die Sumpfdotterblumen
standen
und die Schmetterlinge
Geschichten erzählten
über die Füße
lief das
klare Wasser

Apfelblütenschnee
leicht und 
zart
Sie zog 

das rote Kleid
so gern an
bloß immer
wenn sie
es anhatte
kam sie
mit rotgeweinten Augen
aus der Schule

Apfelblütenschnee
leicht und 
zart
Mutter wartete schon
auf sie
mit einer Tasse Milch
Vater war nicht
im Haus in dem
Sommer 1937
sie hatten ihn
abgeholt
zum Arbeiten
– sagte Mutter

Aus: „Deißelnsoat“ (Diestelsaat) im Ostfalia-Verlag Peine, 1987. Genehmigung zum Abdruck erteilt durch die Angehörigen.

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