Vision einer Mitmachgesellschaft

Beatrice von Weizsäcker ruft beim Hildesheimer Sprengelempfang Politiker zur Haltung mit Rückgrat und die Bürger zur Demokratiemündigkeit auf.

Hildesheim. Am 22. Mai trafen sich Vertreterinnen und Vertreter von Kirchen und Parteien, Verbänden und sozialen Gruppen zum Jahresempfang des evangelisch-lutherischen Sprengels Hildesheim-Göttingen. Landessuperintendent Eckhard Gorka hatte in die Weltkulturerbe-Kirche St. Michaelis Hildesheim eingeladen, und 500 Gäste waren der Einladung gefolgt. Rednerin des Empfanges war die Münchener Journalistin und Publizistin Beatrice von Weizsäcker, die sich der Frage widmete, ob politisch Handelnde sich in ihrer Arbeit von spirituellen Erwägungen leiten lassen könnten oder sogar müssten. Der Glaube an Gott, so von Weizsäcker, sei nach dem Grundgesetz Privatsache. Dennoch lebe die Demokratie aus besonderen Grundkräften wie Vertrauen, Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Und sie brauche Visionen. „Meine Vision ist die einer stabilen dauerhaften Mitmachgesellschaft“, so Beatrice von Weizsäcker. „Die Bürger sind bereit. Sie sind nicht demokratiemüde, sondern längst demokratiemündig.“

Beatrice von Weizsäcker
Publizistin Beatrice von Weizsäcker widmete sich in ihrer rede der Frage „Braucht Politik Vertrauen?“. / Foto: Scholz

Nach einer Intrade, gespielt von Kirchenmusikdirektor Helmut Langenbruch an der Orgel und einem Bläserkreis der Michaelis-Gemeinde, begrüßte Landessuperintendent Eckhard Gorka die geladenen Gäste mit dem Motto des Tages aus dem biblischen Brief an die Hebräer „Werft euer Vertrauen nicht weg“. Dieser Mutmachruf habe einer verzagten dritten Generation in der frühen Kirche gegolten, sei in einem modernen gesellschaftlichen Kontext aber oft leichter gesagt als getan. Er freue sich, dass Beatrice von Weizsäcker für den Vortrag des Sprengelempfanges unter dem Titel „Braucht Politik Vertrauen?“ zugesagt habe, sei sie doch als Juristin und Journalistin und besonders als engagierte Christin bekannt für klare Sprache, besonders auch in ihrer Eigenschaft als Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Beatrice von Weizsäcker griff in ihrer Rede das Stichwort aus dem Hebräerbrief immer wieder auf und deklinierte für die Gäste des Empfanges, wie und wie sehr Politiker in einer entwickelten, offenen und demokratischen Gesellschaft mit dem Gut des Vertrauens umgehen sollten. Ohne Vertrauen sei eine Demokratie undenkbar. Parteien aber ließen sich besonders in Zeiten des Wahlkampfes zu „Häme und Misstrauen“ hinreißen, die letztlich Vertrauen zerstörten. Auch die Medien mischten bei diesem Spiel munter mit. Beatrice von Weizsäcker: „Kontrolle und Recherche sind unerlässlich. Beiß-Wut nicht.“

Eingehend auf die Frage nach den Grundbedingungen politischen Handelns zitierte die Rednerin aus Berlin den großen Soziologen Max Weber. Der habe beschrieben, welche Fähigkeiten Politikerinnen und Politiker im Beruf kennzeichnen müssten: sachliche Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und ein distanziertes Augenmaß. „Auf keinen Fall aber Eitelkeit“, so von Weizsäcker.

Politik sei neuerdings ein schwieriges Geschäft. Die Komplexität und Geschwindigkeit der nötigen Entscheidungsprozesse frustrierten nicht nur Wähler, sondern auch die Mandatsträger selbst. Im Alltagsgeschäft des politischen Diskurses gehe es weniger um Utopien als vielmehr um den Vollzug der Agenda des Alltäglichen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb benötige das politische Geschäft Visionen, und da besonders die einer funktionierenden Demokratie. „Eine Demokratie, die die Menschen dazu antreibt, mitzumachen, .. in der Nachbarschaft, in der Kirche, .. wie und wo auch immer“, so die Münchener Journalistin.

Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland kenne das Verantwortungsbewusstsein „vor Gott und den Menschen“. Letztlich sei aber der Mensch verantwortlich für die Demokratie, nicht Glaube oder Religion oder gar Gott. Sie verstehe unter „Gott“ im Grundgesetz das „Unergründliche der Schöpfung, das Unveräußerliche der Menschenrechte und das Unabdingbare bestimmter Werte“.. Am Beginn des Grundgesetzes könne getrost stehen „in Verantwortung vor der Demokratie und den Menschen“, so Beatrice von Weizsäcker.

Generell gelte „der Grundsatz, dass die Religion für politische Entscheidungen keine Rolle spielen“ dürfe. Umgekehrt aber dürften Kirche und Religionen durchaus politisch sein. Der Kirchentag als evangelische Laienbewegung sei ja „nichtwegzudenken aus dem politischen Betrieb“. Vielfach wünschten Politiker ausdrücklich den Rat der Kirchen. Immerhin habe die Botschaft der Bibel, besonders die Bergpredigt Jesu, eine hohe Relevanz. In ihrer mahnenden Funktion betone sie, den Wert des Lebens nicht in im Sammeln von „Zweit-Autos und Dritt-Handys“ zu suchen. Dieser gesellschaftliche Appell sei kein Regierungsprogramm, aber dennoch politisch. Darum, so die streitbare Journalistin:„.. werft euer Vertrauen nicht weg.“

Landessuperintendent Eckhard Gorka
Landessuperintendent Eckhard Gorka konnte in St. Michaelis Hildesheim beim Jahresempfang des evangelisch-lutherischen Sprengels Hildesheim-Göttingen 500 Gäste aus Politik, Kultur, Kirche und Gesellschaft begrüßen. / Foto: Scholz

 

Landessuperintendent Gorka dankte für die Worte der beherzten Rednerin von Weizsäcker und bat die geladenen Gäste anschließend zu einem Imbiß bei „Wasser und Brot .. und auch Wein“.

Text und Foto: Öffentlichkeitsarbeit im Sprengel Hildesheim-Göttingen, Karl-Otto Scholz

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