Von Engeln und Erleuchtung

Lange Nacht der Kirchen am 16. Juni in Holzminden

Holzminden. Um halb sechs war der Haarmanplatz in Holzminden noch vollkommen menschenleer. Nur eilige Autos fuhren über die Hauptkreuzung der Stadt. Dass hier nur eine halbe Stunde später die lange Nacht der Kirchen Holzmindens eröffnet werden würde, war kaum zu erkennen.

Dann trudelten sie ein, die Mitglieder des Luther-Posaunenchores, die Mitarbeitenden der Gemeinden in ihren bedruckten dunklen T-Shirts und zahlreiche Passanten, die sehen wollten, was es denn da zu sehen gab. Flugs wurde ein Mikrofon aufgebaut und mit einer Lautsprecher-Box verbunden. Superintendent Ulrich Wöhler wartete noch das Abendgeläut ab, dann begrüßte er die Lange Nacht der Kirchen in Holzminden mit ein paar klugen Worten und einer großen Portion einladender Freundlichkeit.

Superintendent Ulrich Wöhler und die Gesandten der sieben Holzmindener Kirchengemeinden
Superintendent Ulrich Wöhler und die Gesandten der sieben Holzmindener Kirchengemeinden. / Bild: Öffentlichkeitsarbeit im Sprengel Hildesheim-Göttingen, Karl-Otto Scholz

Der Haarmann-Platz war mit Bedacht gewählt, ziert ihn doch eine übergroße aus Solling-Sandstein gehauene Nase. Sie steht symbolisch für den größten Arbeitgeber am Ort, die Aromen-Industrie. Und „Nasen“ nennt man in Holzminden die klugen Parfümeure, die mithilfe ihres Riechsinns die komplizierten Mixturen für Düfte und Essenzen erfinden. Noch aus einem anderen Grund hatte man sich am Haarmann-Platz getroffen: er ist so etwas wie der organische und geografische Mittelpunkt für alle sieben Kirchen und für die gelebte Ökumene. „Er ist mitten im alltäglichen Leben“, so erklärte der Superintendent des Kirchenkreises Holzminden-Bodenwerder Ulrich Wöhler. „Und er verbindet uns alle miteinander“.

Der Bläserchor spielte eine Intrade, während sieben Öllampen entzündet wurden und an Vertreterinnen und Vertreter der beteiligten Kirchengemeinden übergeben wurden. Dann strebte man schon auseinander, sollte doch schon kurze Zeit später ein umfangreiches Programm in den Kirchen beginnen.

Sieben Gemeinden, sieben Kirchenvorstände und vielen Mitarbeitende und Ehrenamtliche hatten mit hohem Aufwand diesen Abend für Zufallspassanten, Neugierige und kirchliche Insider vorbereitet. Er sollte unter dem Titel „Erleuchtung“ stehen. Sieben Kirchen wollten sich einer flanierenden Öffentlichkeit präsentieren. Sieben Kirchen wollten herausgehen aus ihrer lokalen Bedeutung und die ganze Stadt (samt Umland) zum Schauen, Hören und Genießen einladen.

Die Lutherkirche beispielsweise war in einen Raum voller Engel verwandelt worden. Der Künstler Dieter Schröder aus Venne hatte große und kleine Installationen im Raum verteilt. Besser gesagt: er hatte den aus übergroßen aber auch winzigen Holzstücken herausgearbeiteten Engelsgestalten den jeweils richtigen Raum verschafft. Sie traten in eine spannungsvolle Beziehung zu dieser neulich erst aufwendig restaurierten und ausgemalten Neo-Romanik-Kirche. Den gravitätischen Apostelgestalten im Altarraum (Apsis) standen filigrane hölzerne Engel gegenüber, die fast ätherisch ihre Arme gen Himmel streckten. „Diese Engel aus Holz stecken voller Licht und Energie“, so Schröder, „und sie geben dieses Licht an den Raum und besonders an die Betrachter weiter. “ Das sagte der Künstler nicht ohne Hintersinn, hatte ihm doch die Beschäftigung mit diesem Thema nicht nur ein Arbeitsfeld, sondern auch ein neues Leben geschenkt.

Künstler Dieter Schröder aus Venne vor einem seiner Engel
Künstler Dieter Schröder aus Venne vor einem seiner Engel / Bild: Öffentlichkeitsarbeit im Sprengel Hildesheim-Göttingen, Karl-Otto Scholz – mit ausdrücklicher Erlaubnis des Künstlers

Schmunzeln machten manche Anekdoten, die er zu erzählen wusste, wie zum Beispiel die von einem gefundenen Holzstück, das ihm sobald in seiner Form einen Engel offenbarte. Er stellte es auf eine Stele und strahlte es mit viel Licht an. Nun erkennt der Betrachter nicht nur im Holz die Flügel des Engels, sondern auch im Schattenriss. „Das ist der Hinweis, dass Engel in zwei Welten zuhause sind“, so Dieter Schröder im Interview.

Zur bildnerischen Kunst kam die erzählende Kunst hinzu. Zwei Bibelerzählerinnen und ein –erzähler brachten teils bekannte teils unbekannte Engelsgeschichten dramatisch zu Gehör, eine Kunst, die die Kirche gerade erst wiederentdeckt. Zu lange galt das auslegende Wort der Predigt als das eigentliche Wort Gottes. Nun aber bekamen die Gestalten der Bibel im Nacherzählen Farbe, Gesicht und Gefühl.

Bibelerzählerin Christine Wöhler aus Holzminden
Bibelerzählerin Christine Wöhler aus Holzminden / Bild: Öffentlichkeitsarbeit im Sprengel Hildesheim-Göttingen, Karl-Otto Scholz

War die Lutherkirche in Holzminden eine Engelskirche, so die Michaelis-Kirche eine der Musik. In der Pauli-Kirche konnten die Besucher zur Besinnung kommen, während die Thomas-Kirche zu kreativen Workshops über die Psalmen einlud. Neben den evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden hatten sich -gut ökumenisch -auch die Freikirchliche Gemeinde als Kirche der Töne und die Josefs-Kirche als Kirche der Stille an der Aktion der Langen Nacht beteiligt. Das Evangelische Krankenhaus Holzminden machte in Vorträgen und Ausstellungen den Gedanken der Diakonie transparent.

Text: Öffentlichkeitsarbeit im Sprengel Hildesheim-Göttingen, Karl-Otto Scholz

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